Geschichte der Arbeiterwohlfahrt

Die Anfänge der AWO in München

   

Die Münchner AWO blickt mit ihren 60 Jahren seit der Neugründung nach dem Krieg und 86 Jahren seit der ursprünglichen Gründung in München auf eine lange und spannende Geschichte zurück.

Die Münchner AWO ließ nach der Gründung der AWO in Berlin durch Marie Juchaz im Jahre 1919 nicht lange auf sich warten: Am 22. April 1921 wurde durch den Sozialdemokratischen Verein der Ortsverein München der Arbeiterwohlfahrt ins Leben gerufen. Erster Vorsitzender war bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 Hubert Dolleschel. In erster Linie leistete die AWO damals Fürsorgearbeit für Kinder und Jugendliche, z.B. durch Ferienfahrten für unterernährte Kinder. Doch bald wurde der Verein auch für andere Bedürftige aktiv, zunächst im Bereich der Müttergenesung. Auch hier standen Erholungsfahrten für Mütter, mit und ohne ihre Kinder, im Vordergrund. Darüber hinaus wurden Sachspenden für Not leidende Bürgerinnen und Bürger gesammelt. So wurden z.B. in der auch für die AWO schwierigen finanziellen Lage während der Inflation 2.500 Schuhe an Bedürftige verteilt. Und einen Tradition hatte damals ihren Ursprung, die auch heute noch von einigen Ortsvereinen fortgeführt wird: Die AWO lud einsame alte Menschen zu gemeinsamen gemütlichen Weihnachtsfeiern ein. Bald war eine Zahl von mehreren hundert Mitgliedern erreicht, die systematisch geschult wurden. Der Münchner Ortsverein wurde sogar von der Kommune zur Mitarbeit in der öffentlichen Wohlfahrtspflege herangezogen.

 

Die Wiedergründung nach dem Krieg

Nach Kriegsende stand Deutschland erneut vor Armut, Zerstörung und Flüchtlingselend. So überrascht es nicht, dass die Amerikanische Militärregierung in München schon 1946 die Neuetablierung der AWO genehmigte. 1947 konnte der Ortsverein München seine Arbeit wieder aufnehmen. Drei Jahre später, 1950, wurde der Ortsverein in den Kreisverband-München-Stadt e.V. umgewandelt, der noch heute existiert. Und im gleichen Jahr gelangte auch das Lehrlingsheim in der Gravelottestraße wieder in den Besitz der AWO. Seit 1952 ist der Kreisverband ein eingetragener Verein - damals unter dem Vorsitz des sicher vielen noch bekannten Anton Weiß. Zweite Vorsitzende war Else Ungermann.

Die Arbeit der AWO während der 50er Jahre wurde auf dem Weg der Selbsthilfe von den Mitgliedern der Ortsvereine organisiert und war der in den 20er Jahren sehr ähnlich: Neben Stadtranderholung und Erholungsurlaub für Mütter und Kinder versorgten die unermüdlichen AWO-Helfer Kriegsveteranen und alte Menschen mit warmen Mahlzeiten, verteilten die berühmten CARE-Pakete, veranstalteten Weihnachtsfeiern und halfen bedürftigen Menschen mit der "Aktion Weihnachtskohle" ihre kalten Stuben zu heizen.

Eine weitere feste Einrichtung wurde bald die Jungenstadt Buchhof am Starnberger See, wo rund 90 Lehrlinge und junge Arbeiter zwischen 14 und 17 Jahren, darunter viele Flüchtlinge und Kriegswaisen, nicht nur in der Holz- und Metallverarbeitung ausgebildet wurden, sondern auch - weitgehend selbstverwaltet mit Bürgermeister und Jugendstadträten - das Zusammenleben in einer demokratischen Gemeinschaft lernten.

 

         

 

Haus Buchenwinkel

 

In den 50er Jahren eröffnete die AWO ein weiteres Heim: Haus Buchenwinkel in Icking, nahe Wolfratshausen. Hier wurden milieugeschädigte Kinder im Volksschulalter pädagogisch betreut. Wie der damalige Heimleiter berichtete, waren damals die Anwohner nicht begeistert über die soziale Einrichtung in der Nachbarschaft: "Es gab im weiten Umkreis unseres Heimes Menschen, die wegen unserer Kinder am liebsten die Obstbäume ab Juli mit ins Haus genommen hätten; im Freibad rückte man von uns ab und wenn zwischen Icking und Geretsried irgendetwas passierte, dann klingelte man zunächst erst einmal bei unserer Heimleitung nach dem Alibi unserer Kinder an". Vor diesem Problem, dass soziale Einrichtungen in der Nachbarschaft nicht gerne gesehen werden, steht die AWO auch heute immer wieder. Nicht mehr aber in Icking: 2006 erwarb der Kreisverband München Haus Buchenwinkel erneut und vermietet es jetzt an den Projekteverein, der hier seit Anfang 2007 ein Wohn- und Arbeitsprojekt für psychisch Kranke Menschen betreibt und dabei viel Unterstützung von der Gemeinde erfährt.

Im Jahr 1956 eröffnete in der neu erbauten Parkstadt Bogenhausen der AWO-Kindergarten in der Buschingstraße. Dieser Kindergarten konnte 2006 sein 50. Jubiläum feiern und ist somit die älteste Einrichtung der Münchner AWO, die heute noch besteht.

 1962 änderte sich mit dem Bundessozialhilfegesetz die Arbeitsgrundlage der Wohlfahrtsverbände. Das Gesetz bedeutete die Abkehr vom Prinzip des Fürsorgestaats und stärkte die Stellung der Verbände gegenüber den öffentlichen Trägern. Wie die anderen Verbände beschritt auch die AWO den Weg in Richtung eines modernen Dienstleisters im sozialen Bereich.

1966 wurde die Altentagesstätte am Reinmarplatz gegründet, die damals von der heutigen Vorsitzenden des Ortsvereins Gern, Walburga Hohenadl, geleitet wurde. Heute ist es besonders ihrem und dem Einsatz der jetzigen Leiterin, Roswita Wimberger, zu verdanken, dass die Tagesstätte nach dem geplanten Abriss der benachbarten Altenwohnanlage in der Trägerschaft der AWO verbleiben kann. Insgesamt wurde der offenen Altenhilfe schon in den 60er Jahren ein hoher Stellenwert eingeräumt und in den Ortsvereinen insbesondere über die zahlreichen Altenclubs und Nachbarschaftshilfen organisiert. Das Programm des Altenclubs "Ebenau" in München umfasste beispielsweise schon 1962 Veranstaltungen wie Verkehrsunterricht, Theaterbesuche und Basteln von Weihnachtsdekoration. Auch rechtliche Themen wie z.B. Sozialhilfe und Rente standen schon damals auf den Programmen der Clubs. Aber auch Freizeitaktivitäten wurden und werden groß geschrieben. So treffen sich beispielsweise auch heute noch die Mitglieder des seit 1969 bestehenden Altenclubs in Bogenhausen jeden zweiten Samstag zum Kegeln und unternehmen jedes Jahr eine einwöchige Ferienfahrt nach Tirol.

Im Juni 2007 konnte die AWO ein weiteres Jubiläum feiern, nämlich das 125. AWO-Konzert im Herkulessaal. Das erste Konzert wurde im Jahr 1967 organisiert und noch heute ist der 2000 Zuhörer fassende Saal viermal im Jahr ausverkauft, wenn die AWO zum Adventssingen oder zu den Neujahrs-, Frühjahrs oder Herbstkonzerten bittet.

 

Auf dem Weg zu einem großen Wohlfahrtsverband

Die 70er Jahre standen besonders im Zeichen der Altenhilfe, wo das Angebot der AWO stark ausgebaut wurde: 1974 eröffnete das Sozialzentrum Plievierpark, das später in Horst-Salzmann-Zentrum umbenannt wurde. 1976 kamen das Sozialzentrum Giesing, das Alten- und Service-Zentrum Milbertshofen und das Haus der AWO im umgebauten, ehemaligen Lehrlingsheim hinzu, dass 1975 seine Pforten geschlossen hatte. Ein Jahr später folgten mit dem Fritz-Kistler-Haus der Stadtsparkasse Altenhilfe die erste Betriebsträgerschaft im Seniorenbereich sowie eine Altentagesstätte im Sozialzentrum Moosach in der Gubstraße. 1979 eröffnete der Seniorentreff in der Arcisstraße.

Doch auch in der Kinderbetreuung wurde in den 70er Jahren der Grundstein für das heutige breite Angebot gelegt, denn in die Sozialzentren im Plievierpark und in der Gubestraße waren Kindergärten integriert. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete die AWO aber besonders gemeinsam mit Landesversicherungsanstalt Bayern (heute Deutsche Rentenversicherung Bayern) mit der Einrichtung eines Betriebskindergartens. Es mag heute viele erstaunen, dass es dieses heute so viel diskutierte Angebot in München schon in den 70er Jahren gab!

 
Franz Maget bei der Eröffnung der Schuldnerberatung
Vorsitzender Max von Heckel beim Fasching

Knappe Kassen in den 80er Jahren

Während der 80er Jahre veränderten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Verbände ihre Arbeit leisten müssen: Das immens angewachsene Defizit der öffentlichen Hand führte zum Abbau der staatlichen Förderung. Auch an der Münchner AWO gingen diese Entwicklungen nicht vorbei. Dennoch ging das Wachstum der AWO besonders in der Seniorenhilfe weiter. Gemäß dem neuen Konzept der Stadt München in der offenen Altenhilfe wurden zu Beginn der Dekade neue Alten- und Service-Zentren gegründet, wobei die AWO für Sendling und Laim den Zuschlag bekam. 1986 folgte die Umwandlung der Altentagesstätte in Obergiesing in ein ASZ. Darüber hinaus ging 1980 das AWO-Dorf Hasenbergl als Modelleinrichtung eines "multifunktionalen Sozialzentrums" in Betrieb. Ähnlich wie im Plievierpark sollte hier das Miteinander der Generationen sichergestellt und die soziale Isolation älterer Menschen verhindert werden. Doch nach den großen Investitionen im Plievierpark und dem AWO-Dorf Hasenbergl schlitterte die AWO in eine finanzielle Krise. 1983 übernahm Andreas Niedermaier die Geschäftsführung; Jürgen Salzhuber und Heinz Westenrieder wurden seine Stellvertreter. Max von Heckel wurde zum Stellvertreter des Vorsitzenden Franz Maget gewählt. Wenige Jahre später übernahm er von diesem den Vorsitz der Münchner AWO. Mit diesem neuen Team folgte eine Phase der Konsolidierung.

Mit der Übernahme der Bewirtschaftung des neu erbauten Saul-Eisenberg-Heims Mitte der 80er Jahre ging die AWO ihre lange Partnerschaft mit der Israelitischen Kultusgemeinde in München ein. 1989 eröffnete die Münchner AWO mit dem Pflegeheim "Wilhelm-Hoegner-Haus" ihre erste Einrichtung im Landkreis. Allerdings wandte sich die AWO ab Mitte der 80er Jahre auch anderen hilfebedürftigen Gruppen zu: 1986 wurde mit "Hilfe zur Arbeit" ein Projekt für Langzeitarbeitslose ins Leben gerufen und 1989 gründete die AWO gemeinsam mit dem DGB eine Schuldnerberatung, in die seit 2006 auch eine Jugendschuldnerberatung integriert ist.


Berühmt waren in den 80er Jahren die AWO-Faschingsbälle: Der erste "Ball der helfenden Herzen" fand 1976 statt und lockte alljährlich Hunderte in die Olympiahalle und später in den Löwenbräukeller - und brachte auch wichtige Einnahmen. 1991 fand wegen des Zweiten Golfkriegs anstatt des Faschingsballs eine Benefizgala mit Reinhard Fendrich statt. 1993 konnte mit Wolfgang Ambros ein weiterer bekannter Sänger für einen Auftritt gewonnen werden. Der erste Seniorenfasching fand bereits im Jahr 1974 statt und heute wird diese Tradition immer noch mit großem Erfolg in der "Heide Volm" in Planegg fortgeführt.

 
Lernstatt Recycling der INBUS GmbH 1993

Die AWO wird einer der größten Münchner Arbeitgeber im sozialen Bereich

Die Arbeit mit Jugendlichen und Arbeitslosen wurde während der 90er Jahre intensiviert, insbesondere durch die Gründung der gemeinnützigen INBUS GmbH gemeinsam mit dem Landesverband Bayern und dem Bezirksverband Oberbayern. INBUS führte die Jugendwerkstätten des Landesverbands weiter und bot benachteiligten Jugendlichen die Möglichkeit einer anerkannten Ausbildung zum Schreiner oder zum Raumausstatter. Weitere Projekte in den Bereichen Arbeitslosigkeit, berufliche Qualifizierung und Hilfen für Jugendliche kamen hinzu und aus dem Projekteverbund entwickelte sich ein soziales Unternehmen: 1999 wurde aus INBUS die Anderwerk Gesellschaft für soziales Handeln, die 2004 mit dem Perspektive e.V. und Projekten der AWO fusionierte und seither ein Tochterunternehmen der Münchner AWO und des Projektevereins für Jugend- und Sozialarbeit ist. Somit sind der Kernkompetenzen der AWO zu Zeiten ihrer Gründung heute bei Anderwerk gebündelt.

 
Jürgen Salzhuber

Im Jahr 1992 wurde Jürgen Salzhuber neben Heinz Westenrieder Geschäftsführer. Nach dessen Verabschiedung im September 1992 übernahm Salzhuber die alleinige Geschäftsführung. Trotz der Verknappung öffentlicher Gelder gelang es Salzhuber, den Verband finanziell zu konsolidieren und organisatorisch zu stärken. Dabei wurden nicht nur die Aktivitäten weiter ausgebaut, sondern 2004 auch verschiedene Vereine und gemeinnützige GmbHs, wie die AWO, Anderwerk und den Projekteverein, unter dem Dach der AWO M group zusammengeführt. Zu Beginn des Jahres 1992 hatte die AWO 896 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zum 01.09.1993 waren es inklusive der Aushilfen schon 1.178 - ein Zuwachs von 24% in nur 1 ½ Jahren. Außerdem zählte die AWO zu diesem Zeitpunkt stattliche 5.369 Mitglieder. Diese Personalentwicklung ist besonders beachtlich vor dem Hintergrund des damals existierenden so genannten "Pflegenotstands", der bereits 1990 ausgerufen 1993 durch die Erhöhung der Fachkraftquote im Heimgesetz auf 50% nochmals verschärft wurde. Auch Personal für die Kindertagesstätten war damals wie heute nicht leicht zu finden und die Verkürzung des Zivildienstes 1990 tat ihr übriges zur oft angespannten Personalsituation.

 
Der AWO-HaidPark im Münchner Norden
Naturheilkundliche Pflege im AWO-Föhrenpark

Stabile Weiterentwicklung am Anfang der Zweitausender

Auch in den Zweitausendern hat sich die Personalsituation in den Bereichen Pflege und Kindertagesbetreuung nicht verbessert. Im Gegenteil der Konkurrenzkampf um Fachpersonal hat zugenommen. Trotz dieser angespannten Lage konnte sich die Münchner AWO weiter entwickeln und zahlreiche zusätzliche Einrichtungen eröffnen. 2012 konnte im Münchner Norden ein großes Bauprojekt eröffnet werden, das AWO-Zentrum HaidPark mit Appartements für Studentisches Wohnen, Betreutes Wohnen für psychisch Kranke, der Druckerei ProjektPrint und dem AWO Fanprojekt München. Im Stadtteil Aubing konnte das Seniorenwohnen Aubing verwirklicht werden. Im März 2012 hat Christoph Frey die Geschäftsführung einiger Beteiligungen der AWO M group übernommen. Gemeinsam mit den anderen Geschäftsführer*innen Stephanie Lerf, Karin Häringer, Horst Reiter, Holger Steckermaier und Jürgen Meyer-Lodding sorgt er für eine stabile Weiterentwicklung der Münchner AWO.

Bereits seit einigen Jahren gibt es auch ein Engagement im Flüchtlingsbereich, das sich in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 unter der Führung von Christoph Frey, verstärkt hat durch die Asylsozialberatung in Gemeinschaftsunterkünften.

2017 wurde  in der ehemaligen amerikanischen Siedlung ein neues Wohn- und Pflegeheim eröffnet, das nicht nur mit naturkundlicher Pflege einen neuen Standard setzt - der AWO-Föhrenpark - sondern auch mit einer modernen an die Natur heranführenden Architektur.

Das Fritz-Kistler-Haus in Pasing konnte, nach jahrzehntelanger Betriebsführung für die Altenhilfestiftung der Stadtsparkasse, gekauft werden, was ein klares Zeichen für die Qualität des AWO-Teams vor Ort ist.

Im Januar 2017 hat die Münchner AWO insgesamt 2877 Mitarbeiter*innen, allerdings hat der Mitgliederbereich etwas nachgelassen mit ca. 2000 Mitglieder.